Der palästinensische Rapper Sameh Zakut

April 10, 2009
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Augenzeugen – Die Medien und der Nahostkonflikt

February 17, 2009

Israel und Palästina – hier liegt die Grabstätte Abrahams, das Land von Jesus, die Region von Mohammed. Heiliges Land für drei sich ewig bekämpfende Weltreligionen. 1948 im ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina gegründet. Ein Land, das – wenn man den letzten Gaza-Konflikt hinzu zählt – seither sieben Kriege geführt hat. Seit 60 Jahren stetiger Mittelpunkt und Ursache des Nahostkonflikts und damit auch immer wieder im Blick der Medienberichterstattung.

Circa 800 ständige Korrespondenten sind in Israel ansässig. Damit ist es mit seinen knapp 7,4 Millionen Einwohnern das Land mit der höchsten Dichte an ständigen Auslandsjournalisten weltweit. Zusätzlich kommen jährlich bis zu 2.700 Sonderkorrespondenten hinzu. Diese so- genannten „parachute journalists“ reisen an im Falle eines größeren Nachrichtenereignisses – das letzte war der Gaza-Krieg.

Welche Sicht auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern haben die Journalisten vor Ort? Wie weit können die komplexen Ereignisse in kurzen Statements dem Zuschauer nahe gebracht werden? Welche Sicht haben die Journalisten auf die Rolle der Medien? Wie wirkt sich die politische und militärische Ungleichheit beider Seiten auf die tägliche Berichterstattung aus?

Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, waren wir von Juli bis Oktober 2008 in Israel und den palästinensischen Gebieten, haben mit Korrespondenten vor Ort gesprochen, Interviews mit ihnen geführt und sie bei ihrer Arbeit begleitet.

Die Blase Tel Aviv – „Jerusalem betet, Haifa arbeitet, und Tel Aviv feiert.“

February 17, 2009
Der Strand von Tel Aviv

Der Strand von Tel Aviv

Die meisten Korrespondenten haben – wie auch die meisten Botschaften – ihren Sitz in Tel Aviv am Mittelmeer. Tel Aviv-Jaffa ist die zweitgrößte Stadt Israels, der mit Abstand größte Ballungsraum und das Wirtschaftszentrum des Landes. Die meisten Länder richteten hier nach der Staatsgründung Israels ihre Botschaften ein, da der Status Jerusalems gemäß den Teilungsbeschlüssen der UN als unklar gilt. Heute charakterisieren Einwohner die Stellung der Stadt in Israel mit der Aussage: „Jerusalem betet, Haifa arbeitet, und Tel Aviv feiert.“

Tel Aviv ist eine auffällig junge Stadt (Durchschnittsalter der Einwohner: 34 Jahre, im Vergleich Hamburg: 42 Jahre), was daran liegt, dass viele Israelis direkt nach ihrem Militärdienst hierher ziehen – weit weg von Palästinenserkonflikt und anderen Auswüchsen der nahöstlichen Politik. So nennt man die Stadt auch „The Bubble – die Blase”, ein Mikrokosmos, in dem die Bewohner den Konflikt ausblenden. Wer durch die City geht, sieht überall Paare, schöne Menschen, braun gebrannt. Die Bewohner von Tel Aviv sind, wie die Stadt und das Essen, eine Mischung aus allem. Sie kommen von überall her, sind arabisch, afrikanisch, amerikanisch, asiatisch, westeuropäisch, osteuropäisch – wie die Israelis sagen: “Israelis gibt es in allen Farben und Formen”. Gerne vergleichen sie sich auch mit der Kaktusfrucht – den sabres – „außen stachelig, innen süß.“ Die Menschen hier geben sich betont entspannt. Insbesondere in der Gegend rund um den Strand hat man das Gefühl, eher auf Ibiza zu sein als im Nahen Osten.

André Marty, seit fünf Jahren Israelkorrespondent für den Schweizer Sender SFR lebt mit seiner Familie in Tel Aviv und kennt diese erste Verwirrung eines Zugereisten: „Würdest du in Jerusalem leben, hättest du mit Sicherheit ein komplett anderes Bild von Israel. Wenn du in einer Siedlung bist, sieht es wieder anders aus. Tel Aviv ist eine Insel auf der Insel. Ich würde das nicht verallgemeinern, das ist nicht Israel, das ist Tel Aviv.“

Und trotzdem: Selbst in der „Bubble“ relativiert sich der erste Eindruck schnell, wenn man die Soldaten in den Straßen sieht und sich den Sprengstoffkontrollen vor größeren Geschäften und Restaurants unterziehen muss. Auch ist es ein gewöhnungsbedürftiges Bild, wenn eine junge Frau in grüner Uniform über die Straße eilt, links baumelt die Handtasche von der Schulter und rechts das Maschinengewehr. Immer wieder sieht man junge Soldatinnen und Soldaten in Uniform – und alle haben sie ihre Waffe mit zwei geladenen Ersatzmagazinen dabei.

Korrespondent Marty erklärt den Einfluss, den die ständige Verteidigungsbereitschaft auf die Israelis hat: „Wer mit 18 drei Jahre lang in den Militärdienst geht als Mann und zwei als Frau, der kommt nicht so nach Hause, wie er in den Militärdienst gegangen ist. Wer, wie ein Fünftel aller Israelis, einen Freund oder ein Familienmitglied in einem dieser Kriege verloren hat, der ist geprägt. Ganz konkretes Beispiel: Während des 2. Libanesischen Krieges – Sommer 2006 – an einem der Abende, an dem ich mal zurück kam von der Front, bin ich abends zum Entspannen ans Meer, hab mein Bier getrunken – auch Korrespondenten trinken Bier – und dann fliegen zwei Staffeln von Apache-Kampfhelikoptern ein paar hundert Meter über diesen Beach, ich war der einzige von Hunderten von Leuten, der das ein wenig seltsam fand. Es ist eine spannende Gesellschaft, aber auch eine heftige Gesellschaft.“

Am Strand von Tel Aviv feiert man das Leben, die Sonne und – erkennbar an wehenden Flaggen – den Staat Israel. Und die Soldaten in den Straßen sind hier nicht immer auf Patrouille oder im Einsatz, sondern schlendern mindestens genauso oft mit ihren Freundinnen Hand in Hand durch die Stadt – oder eben umgekehrt: die Mädchen in Uniform und die Jungs in Zivil.

Eine mögliche Erklärung für diese ständige Präsenz von Uniformen und Militär: Aus dem 2. Weltkrieg und den Verbrechen des Holocausts haben Europäer und Israelis unterschiedliche Lehren gezogen. Die Europäer sagen heute: „Nie wieder Krieg“. Die Israelis und die Juden Europas jedoch lernten etwas anderes: „Nie wieder Opfer“ wollen sie sein, sich nie wieder, „wie Lämmer zur Schlachtbank“ führen lassen. Der Staat Israel soll den Juden aus der ganzen Welt diese Sicherheit garantieren – deshalb die ständige Verteidigungsbereitschaft.

Wer jedoch an einem Sommerabend in Tel Aviv an der Strandpromenade spazieren geht, erlebt die „Blase“ in ihrem vollem Glanz, mit satten Farben und der Lebensqualität einer Stadt am Mittelmeer. An der Promenade treffen sich zum Sonnenuntergang Alt und Jung, machen Sport, küssen sich, (die Jugend) oder spielen in großen Gruppen Karten und rauchen Wasserpfeife (die Alten). Manchmal sieht man alte Menschen, die auf das Meer hinausblicken und es wahrscheinlich noch immer nicht glauben können, dass es diesen Staat, wirklich gibt – ihren eigenen Staat, den Judenstaat, Eretz Israel, von dem Theodor Herzl 1896 träumte.

Gefangenaustausch an der Israelisch-Libanesischen Grenze (16. Juli 2008)

February 17, 2009

Al Dschasira TV in Rosh Hanikra

Am Tag darauf an der Libanesischen Grenze im Norden Israels – erste Begegnung mit der Medienwirklichkeit Israels. Hunderte Journalisten von Nachrichtenstationen aus aller Welt stehen vor dem Grenzposten Rosh Hanikra. Sie rauchen, warten, tauschen Gerüchte aus, trinken Kaffee, warten weiter und rauchen weiter. Hier findet ein Nachspiel zum Libanonkrieg 2006 statt – der letzte Gefangenenaustausch zwischen Israel und der schiitischen Hisbollah-Bewegung, die den Südlibanon beherrscht. Auch Post-Konfliktnachrichten sind Nachrichten. Und alle sind gekommen: Al Dschasira, CNN, FOX-News, Al Arabiya, die israelischen Stationen und die Europäischen.

David Witzthum, israelischer Journalist für den Sender Channel 1 und ein Art Uli Wickert des Judenstaates, erklärt die außergewöhnliche Stellung der Israel-Berichterstattung im Nachrichtengeschäft: „Natürlich ist es immer noch wichtig und interessant für alle Korrespondenten hier zu arbeiten. Hier ist ein Kampf zwischen Juden und Arabern, zwischen Judentum und Islam, ein Kampf zwischen westlicher und dritter Welt, hier ist eine Gesellschaft die so viele Nationalitäten eint, hier ist ein Konflikt, der für so viele Länder wichtig ist. Ein 2000 Jahre alter Konflikt spielt ein religiöses, ethnisches und mediales Drama ab. Es ist wichtig und interessant, hier zu sein.“

Und auch Christoph Sagurna, Korrespondent für RTL in Jerusalem, erklärt, warum er es so wichtig findet, aus Israel zu berichten: „Ich habe in den letzten fünf Jahren gelernt, wie viel dieser Ort mit uns zu tun hat. Allein durch unsere Religion. Selbst wenn wir nicht religiös aufgewachsen sind, hat die christliche Prägung der westeuropäischen Länder natürlich mit diesem Ort zu tun. Der weltweite Konflikt zwischen den Kulturen und Religionen hat mit dem Konflikt an diesem Ort zu tun. Alle Großmächte haben und hatten in der Geschichte ihren Fuß hier in der Tür. Ob das der Vatikan ist, die Amerikaner, oder jetzt wieder die Russen. Es hat immer überdurchschnittlich viele Menschen und Länder interessiert, was hier in Israel passiert. Weil es mit diesen Ländern – auch mit Deutschland – zu tun hat. Und deswegen finde ich es wichtig, hierüber zu berichten.“

Bei dem heutigen Austausch an der libanesisch-israelischen Grenze geht es um zwei israelische Soldaten, die am 12. Juli 2006 im Grenzgebiet angegriffen und entführt worden waren, was kurz darauf zum 2. Libanonkrieg führte. Im Gegenzug soll Israel fünf inhaftierte Libanesen, darunter den bekannten Terroristen Samir Kuntar, freigeben. Die zwei Jahre seit der Entführung der beiden Reservesoldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser bewahrten die schiitischen Extremisten der Hisbollah Stillschweigen über den Gesundheitszustand ihrer Geiseln.

Es kommt Bewegung in die wartenden Korrespondenten am Grenzübergang. Ein Konvoi nähert sich. Die Bewohner der nahe gelegen Stadt Naharija stehen wortlos und mit Tränen in den Augen neben den Journalisten am Straßenrand. Manche halten israelische Fahnen in ihren Händen, andere halten sich stumm an den Händen. Die Küstenstadt Naharija: hier verübte Samir Kuntar seine Tat, hier ist Ehud Goldwasser geboren, hier schlugen während des Libanonkrieges 2006 die Raketen der Hisbollah ein. Und nach Naharija – in den Militärstützpunkt Shraga – kehren Ehud Goldwasser und Eldad Regev nun zurück. Der Konvoi fährt vorbei, die Kameras filmen zwei Särge auf der Ladefläche der Fahrzeuge – eingehüllt in die Israelische Flagge.

Nun erfahren die Eltern, erfährt das Land und die Welt, was seit langem befürchtet wurde: Regev und Goldwasser sind tot. Und die eherne Pflicht, Soldaten stets aus den Händen der Feinde in die Heimat zu holen – Israel hat sie auch diesmal erfüllt. Als Austausch übergab Israel, neben 199 Leichen, überwiegend von Hisbollah-Kämpfern, fünf Gefangene, unter ihnen Samir Kuntar. Seine Freilassung war in Israel heftig umstritten, hatte er doch 1999 bei einem Massaker einem vierjährigen israelischen Mädchen eigenhändig den Kopf eingeschlagen. Nun ist er wieder ein freier Mann.

Ein junger Israeli sagt in eine der zahlreichen Fernsehkameras: “Man hätte dem Terroristen Kuntar vor dem Austausch eine Giftspritze geben sollen, eine die erst nach ein paar Stunden wirkt. So wäre er bei den Siegesfeiern in Beirut neben Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah tot zusammengebrochen.“ Der O-Ton wird nicht gesendet, doch den Journalisten vor Ort gibt er einen kurzen Blick in die erhitzte Volkseele.

Sagurna sieht in dem Hass auch einen positiven Aspekt – zumindest für die Berichterstattung: „Tatsächlich ist die gute Seite, dass es ein sehr scharfkantiger und eindeutiger Konflikt ist, die tagesaktuellen Beispiele sehr scharfkantig und eindeutig sind. Es ist einfach, darüber zu berichten. Es passiert was. Es ist ein Konflikt, der für TV-Leute geschaffen ist, denn man sieht was, es ist visualisierbar – also man kann seinen Beruf hier ordentlich ausüben. Und es gibt auf beiden Seiten – mit unterschiedlichen Motiven und Nuancen – eine recht große Offenheit gegenüber Journalisten und ordentliche Regeln, die uns hier ordentlich arbeiten lassen.“

Freitagsgebet und Steine gegen Bulldozer – Das Dorf Naalin im Westjordanland

February 17, 2009

Palästinenser beim Freitagsgebet in Naalin

Wir wollen begreifen, wie die Bilder des Konfliktes entstehen, der uns in Tel Aviv und auch beim Gefangenenaustausch an der Libanesischen Grenze so weit entfernt erscheint. Wo findet die Auseinandersetzung statt, die wir auch in Israel bisher nur aus den Nachrichten kennen? Bei der Recherche und in Medienberichten taucht immer wieder der Name Naalin auf. Ein Dorf im Westjordanland. Am Rande der palästinensischen Siedlung soll derzeit das nächste Stück der Grenzanlage fertig gestellt werden. Jeden Freitag kommt es nach dem traditionellen muslimischen Freitagsgebet zu Demonstrationen gegen den Bau der Mauer und die israelische Besatzung. Zudem gab es in Naalin vor einigen Tagen einen tragischen Vorfall: Ein neunjähriger palästinensischer Junge wurde durch ein israelisches Geschoss tödlich verletzt.

Wir fahren Richtung Westjordanland und erinnern uns an das, was André Marty uns mit auf den Weg gegeben hat: „Wer sich in diesem Konflikt nicht abgrenzen kann, der wird leiden. Ganz banale Sachen wie die Distanzen: Du bist morgens in Gaza, bist unter Umständen nachmittags schon wieder zurück, dann fährst du eine halbe Stunde in den Norden und bist im besetzten Westjordanland – das hat einen Haufen Vorteile, hat aber auch gewaltige Nachteile: Du siehst sehr schnell konkret, ganz physisch Dinge, die nicht normal sind, die in den westlichen Augen mit Sicherheit jenseits unseres Normensystems liegen. Wer sich nicht abgrenzen kann, der wird aufgefressen von diesem Konflikt.“

Nur 20 Autominuten von Tel Aviv entfernt sieht man die israelische „Sperranlage“ auf ihrem geschlängelten Weg durch das heilige Land. So bezeichnet man auf neutrale Weise die 759 km lange Absperrung, die das israelische Kernland vom Westjordanland trennen soll. Der Bau wurde im Jahre 2003, in der zweiten Amtszeit des israelischen Premierministers Ariel Scharon, begonnen. Die Fertigstellung sollte ursprünglich bis zum Sommer 2005 erfolgen, wegen verschiedener Proteste beim Obersten Gerichtshof Israels verzögerten sich die Arbeiten, die immer noch nicht abgeschlossen sind.

Nach den Kontrollen an israelischen Checkpoints gelangen wir zum Dorfplatz von Naalin, wo der palästinensische ARD-Kameramann Tariq bereits wartet. Die Stimmung hier ist friedlich, die Menschen folgen ihrem normalen Tagesablauf. Der Metzger hat gerade ein Schaf geschlachtet, der enthäutete Körper hängt an einem großen Fleischerhaken aufgespießt vor dem Laden. Drumherum Jugendliche, die sich unterhalten und neugierige Blicke auf die Journalisten und ihre Ausrüstung werfen. Eine friedliche Szene in einem arabischen Dorf kurz vor dem Wochenende.

Joris Lujendijk hatte ein ähnliches Erlebnis: „Ich kam also im Westjordanland an und es war einfach friedlich, kein Zeichen von Gewalt. Irgendwann fragte ich einen Palästinenser, wo denn die Steinwerfer seien? Und er antwortete: ‚Ganz einfach, Du gehst geradeaus die Straße runter und dann links, da sind die Steinewerfer – aber erst nach 14 Uhr!’ Am nächsten Tag nach 14 Uhr, da waren die Steinewerfer an der Straßenecke.“

Ähnlich sollte das Schauspiel auch am heutigen Tag inszeniert werden: gemeinsam mit Tariq und seinem Assistenten machen wir uns auf den Weg in den nahe gelegenen Olivenhain, wo sich die Männer des Dorfes zum traditionellen Freitagsgebet versammelt haben. Fotografen, Kameramänner und Vertreter von Menschenrechtsorganisation sind ebenfalls vor Ort – die Medienmeute, bereit für die Jagd nach Bildern. Die Journalisten von AP, Reuters, Al-Dschasira und weiteren Medien sind bestens ausgerüstet. Einige tragen neben einem Helm schusssichere Westen oder zumindest einen farbigen Überhang, auf dem deutlich das Wort „Presse“ zu lesen ist. Gasmasken und Wasserflasche haben sich die meisten an den Gürtel geschnallt. Sie scheinen zu wissen, was kommen wird. Auch Tariq hat seinen Stahlhelm dabei: „Der ist gegen Steine und gegen Gummigeschosse. Ich will meinen Kopf schützen“, sagt er und grinst. Was erwartet der erfahrene Kameramann heute? „Es wird ein heißer Tag, auf geht’s“, Tariq grinst noch mal und schultert seine Kamera.

Im Schatten der Olivenbäume sitzen die Männer und lauschen dem Prediger, der über Lautsprecher die Getöteten als Märtyrer und die Israelis als Hunde bezeichnet. Dazwischen wuseln die Fotografen und Kamerateams. „Allah hu Akbar – Allah ist der Größte“, Männer knien nieder, verbeugten sich in Richtung Mekka. Die Presseleute zeigen keine Scham, sie filmen die Männer aus nächster Nähe.

Unmittelbar nach dem Gebet geht es los. Auf einmal hat nahezu jeder jugendliche Palästinenser eine Steinschleuder in der Hand. Auf der anderen Seite der Senke, durch die der Grenzzaun führen soll, warten die israelischen Soldaten. Der Tonfall und die begleitenden Rufe der Palästinenser, die an einen kläffenden Hund erinnern, sind unmissverständlich. Tariq sagt, dass die Männer die Schreie und Geräusche imitieren, die arabische Hirten machen, um ihre Esel und Kamele im Zaum zu halten. In diesem Sinne sind auch die Beleidigungen in Richtung der israelischen Grenzsoldaten: „Eure Väter sind Esel! Ihr seid jüdische Schafe! Eure Mütter sind Ziegen“. Und auch ein Verweis auf den Gefangenaustausch von letzter Woche fehlt nicht: „Wir zeigen es euch! Wie Samir Kuntar und die Hisbollah!“.

Junge Palästinenser in Naalin schleudern Steine

Wohl um diese Aussagen zu untermauern, fliegen erste Steine über die Senke auf den gegenüber liegenden Hügel. Noch stehen die Soldaten dort ruhig da und beobachten die Geschehnisse aus sicherer Entfernung. In der Zwischenzeit haben sich einige Demonstranten zu einem seitlich gelegenen Stacheldrahtzaun vorgearbeitet. Hier soll bald die Mauer verlaufen. Die Bewohner von Naalin sagen, die Mauer würde eine drastische Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit bedeuten, viele Bauern wären so von ihren Feldern abgeschnitten, der alte Olivenhain werde zerstört. Der Zaun windet sich entlang des Hügels, auf dem Naalin liegt, und wird vom israelischen Militär als Puffer zur gegenüber liegenden Siedlung befestigt. Doch jetzt wird das stachelige Monster zum Ziel des palästinensischen Hasses. Mit Seilen und Ästen versuchen die Männer, den Zaun den Hügel herab zu zerren. In dem idyllischen Olivenhain spielen sich derweil erstaunliche Szenen ab: Ein Demonstrant, in die palästinensische Fahne gehüllt und mit sauber gestutztem Bart, posiert in verschiedenen aggressiven Posen für die Kameras der anwesenden Journalisten. Ein Vater erklärt seinem kleinen Sohn, wie er am besten den Stock in Richtung des Gegners zu schwenken hat. Ein älterer Mann hat den Boden einer PET-Flasche abgeschnitten und benutzt den Behälter jetzt als Megaphon, durch das er seine Hasstiraden, unterstützt von geballter Faust und erhobenem Stock, zu den Israelis hinüber brüllt. Die Jüngeren sammeln derweil allerlei Geäst, um damit den Zaun in Brand zu setzen. Ein junger Palästinenser – eifrig und unermüdlich sucht er Brandmaterial zusammen – trägt ein Real Madrid Trikot mit der Nummer 5 von Zinedine Zidane, dem französischen Welt- und Europameister. Der Fußballgott ist für seine überragende Ballbehandlung und Schusstechnik berühmt – in diesem Moment scheint sein palästinensischer Bewunderer nicht weniger begabt im Abfackeln von Stacheldrahtzäunen.

Plötzlich das surrende Geräusch von Gasgranaten, abgeschossen von den israelischen Grenzsoldaten. Dort, wo die Geschosse landen, entstehen sofort kleine Rauchsäulen, als hätten die Demonstranten, über den Hügel verteilt, kleine Lagerfeuer entzündet. Die jungen Palästinenser rufen und johlen. Die Wirkung des Gases kommt rasch. Zuerst schmeckt es bitter auf der Zunge, ein ekelhafter Geschmack, dann fangen die Augen an zu jucken, und mit jedem Atemzug kriecht der Schmerz weiter die Kehle hinab, das Atmen fällt schwer. Tariq, der ARD-Kameramann ruft: „Ihr dürft nicht in Panik geraten, es tut weh, aber ihr werdet nicht daran sterben.“ Einige der Demonstranten greifen, entgegen ihres Glaubens, auf alkoholisierte Watte zurück, ein paar halten sich rohe Zwiebeln unter die Nase, andere reiben sich Parfum ins Gesicht. Die meisten jedoch scheinen vom Gas nichts zu merken – Adrenalin und Hass sind wohl ausreichender Schutz gegen die ABC-Maßnahme der Grenzmilitärs.

Ein israelischer Grenzsoldat in Naalin

Vom gegenüber liegenden Hügel rollt auf einmal eine israelische Planierraupe heran. So soll der Weg für die nachrückenden Militärjeeps und Soldaten frei geräumt werden. Und dann bietet sich ein Bild, das diesen Konflikt so genau widerspiegelt, dass es fast irreal erscheint: Vom Hügel rennen zwei Palästinenser herunter. Wuterfüllt werfen sie Steine auf den fahrenden Bulldozer – eine ohnmächtige Geste. Die beiden Angreifer haben sich dem Gefährt so dicht genähert, dass die Einschläge in 200 Meter Entfernung deutlich zu hören sind – trotz der stählernen Fahrerkabine will man nicht mit dem Fahrer tauschen. Tariq hält mit der Kamera voll auf die Szene, dabei kann er die Begeisterung für das „tolle Bild“ nicht verbergen: Mann gegen Maschine, David gegen Goliath, mit bloßer Hand und Steinschleudern gegen die Übermacht und Stahlkraft der hochgerüsteten Armee. Ein Nahost-Klassiker.

Joris Luyendijk hat während seiner Zeit im Nahen Osten eine Menge Orte wie Naalin besucht. Er hat seine eigene Theorie zu den planmäßigen Auseinandersetzungen: „Wären keine Journalisten und Kameras vor Ort, gäbe es keine Steinewerfer. Warum solltest du dir dein Knie zerschießen lassen, wenn da niemand ist, um darüber zu berichten? Natürlich steckt dahinter auch Strategie: Wie können wir Palästinenser ohne eine starke Armee unsere Überzeugungen und Ziele in den Medien platzieren? Das bedeutet, sie müssen Events kreieren, die einen Nachrichtenwert haben. Sie porträtieren sich als schwach, und das hat dann schon wieder etwas Biblisches: Man schmeißt Steine gegen Goliath. Es ist allerdings nicht inszeniert im Sinne von künstlich konstruiert. Die Menschen leben ja wirklich unter Besatzung und sie wollen wirklich protestieren und ihrer Wut durch Steine werfen Luft machen. Nur, die Methode, die sie nutzen, bezieht die Anwesenheit von Journalisten mit ein.“

Palästinenser wirft Steine auf einen Bulldozer

Palästinenser wirft Steine auf einen Bulldozer

Die Steine haben den Bulldozer nicht stoppen können, also setzen sich die israelischen Soldaten jenseits der Senke in Bewegung und durchqueren diese in Richtung Naalin. Die Demonstranten haben sich inzwischen in Richtung Dorf zurückgezogen. Die Nervosität bei einigen Berichterstattern steigt – sie stehen nun zwischen den Steinewerfern und den Soldaten. Steine fliegen, Gasgranaten surren durch die Luft. Auch Tariq setzt seinen Stahlhelm auf und duckt sich hinter einen Busch. Er mahnt die Gruppe zur Ruhe, während sein Blick nicht vom Kameraobjektiv und der nächsten Einstellung weicht. Und tatsächlich, die Soldaten beachteten die Journalisten überhaupt nicht. Die Männer in Grün marschieren einfach vorbei, einige quittieren die Medienpräsenz mit einem grimmigen Blick, andere wiederum nehmen sie überhaupt nicht wahr. Es scheint, als seien sich sowohl Demonstranten als auch Soldaten sehr wohl bewusst, dass die dritte teilnehmende Gruppe zu diesem Schauspiel dazu gehört. Es gleicht einem sehr ernsten Cowboy- und Indianerspiel, und dazwischen Reporter, die das ganze bitte im Sinne der eigenen Partei kommentieren mögen.

Im Dorf haben sich die Demonstranten inzwischen wieder gesammelt, in Wellen schicken sie Steine in Richtung des offenen Feldes und der Soldaten. Die Antwort kommt prompt, Gasgranaten landen mitten im Dorf. Während sich die älteren Jungs mit den – auch in der westlichen Welt zur Mode gewordenen – „Pali-Tüchern“ gegen den giftigen Rauch schützen, rennen die Jüngeren mit Airfresh-Spraydosen durch die Gegend und verteilen rohe Zwiebeln.

Bei Tariq steht ein komplett vermummter Steinewerfer. Der junge Mann will mit seiner Schleuder ein Geschoss direkt vor Tariqs Kamera abfeuern. Tariq nimmt die Möglichkeit für ein gutes Bild dankend an. Der Dorfbewohner wartet, bis der Kameramann sein Gerät eingerichtet hat, dann erst fliegt der Stein mit geübtem Schwung in Richtung Israelis. Ein Anblick wie auf dem Cover von Joris Luyendijk´s Buch „Wie im echten Leben“. Das Buch des holländischen Journalisten beschäftigt sich mit der Inszenierung der Medien in Krisenregionen…

Kameramann filmt einen palästinensischen Steinewerfer

„Und darum habe ich dieses Foto als Titel für mein Buch genommen. Die Frage dahinter ist, warum sieht man, wenn man die Steinewerfer sieht, nicht auch mal die Journalisten, die drum herum stehen. Und warum sieht man nicht die Zuschauer, die den Steinewerfern zuschauen wollen. Du siehst nicht den Falafel-Verkäufer. Ich finde, diese Bilder sollten auch im Blickpunkt sein.“

Inzwischen hat sich das Gas im Dorf so sehr verteilt, das ein Weiterarbeiten für die Journalisten unmöglich wird. Doch auch die Palästinenser betreiben mit einfachen Mitteln effektive Pressearbeit, denn in einem nahe gelegenen Haus einer Palästinenserfamilie ist schon alles für den Besuch der „Meute“ vorbereitet. Ein Ventilator voll aufgedreht in Richtung Fenster gerichtet, feuchte Tücher liegen bereit, und die Frau des Hauses serviert frischen Pfefferminztee. Die Familie begrüßt die Flüchtlinge wie selbstverständlich mit arabischer Gastfreundschaft. Tariq erkennt die Dachterrasse des Hauses als hervorragenden Aussichtspunkt auf die beiden kämpfenden Parteien. Ein paar Aufnahmen noch, dann sind die Bilder im Kasten, Fotos geschossen und die nötigen Interviews geführt – die Medienvertreter haben genug „Konflikt“ gesehen, einer nach dem anderen rückt ab.

RTL-Mann Sagurna sagt zur Pressearbeit der Palästinenser: „Die Palästinenser sind in ihrer eigenen Sache, was Medien und PR angeht, vielleicht stümperhafter als die Israelis, aber letztendlich nicht blöde und kriegen ihre Botschaft schon transportiert.“

Die Bilder von Auseinandersetzungen wie in Naalin prägen das westliche Bild vom Konflikt. Steine gegen Bulldozer, Mann gegen Maschine. Für die Journalisten bieten sie eine runde Geschichte: Steine werfende Palästinenser, Granaten schießende israelische Soldaten, und manchmal ein wenig Blut. Alle Nachrichtenfaktoren werden bestens bedient, der Chefredakteur zu Hause ist zufrieden und die Menschen an den Bildschirmen sehen sich einmal mehr in ihrem Bild vom Nahen Osten bestätigt.

Unterwegs im besetzten Westjordanland – Checkpoint Watch

February 17, 2009

Grafitti auf der Grenzmauer am Checkpoint Qualandia

Andere Orte, an denen sich der Kern dieses Konfliktes abspielt, tauchen in den Medien viel seltener auf. Nicht Soldaten und radikale Palästinenser leiden am meisten unter den jahrelangen Auseinandersetzungen, vor allem die einfache Bevölkerung stöhnt unter der Besatzung der Autonomiegebiete in Form von zahlreichen Checkpoints und Kontrollen.

Wieso liest oder sieht man so selten Geschichten über die Besatzung, über die Kontrolle und die Ohnmacht, die die Grenzanlagen auslösen? Joris Lujendijk nennt Gründe für das Desinteresse der Medien: „Besatzung ist sehr schwer in einem starken Bild zu visualisieren. Während es bei Terrorismus durchaus funktioniert. Wenn du ein Bild von Terrorismus siehst – einen ausgebombten Bus – dann spürst du die Angst sofort, weil du selbst mal in einem Bus gesessen hast. Bei Besatzung ist das schwieriger. Zeigst du einen Panzer oder Soldaten, die Ausweise kontrollieren? Man fühlt nicht dieselbe Art von Schrecken, obwohl durch die Besatzung viel mehr Menschen sterben, als durch den Terror. Das ist niemandes Schuld, aber wir könnten unser Publikum häufiger darauf hinweisen. Aber ich sehe keine Lösung für dieses Problem der Medien. Man kann für Besatzung und Terror nicht gleichwertige Bilder finden.“

Bei den „machsoms“, dem israelischen Wort für Checkpoint, handelt es sich um Barrieren der Israelischen Armee. Sie sollen verhindern, dass Palästinenser Anschläge im israelischen Kernland verüben. Circa 600 dieser Kontrollpunkte sind über das ganze palästinensische Autonomiegebiet verstreut, die wenigsten stellen eine direkte Grenzverbindung zwischen Israel und der Westbank dar. Die übrigen sind zum Schutz der jüdischen Siedlungen postiert worden, oder sie dienen der Kontrolle palästinensischer Dörfer und Städte samt ihren Bewohnern.

Daphne Banai, 54, ist eher unauffällig in ihrer Erscheinung, doch ihr Auftreten und ihre Stimme veranlasst die Menschen in ihrer Umgebung zuzuhören – das ist bei einer Israelin in den besetzten palästinensischen Gebieten nicht selbstverständlich. Daphne fährt mehrmals in der Woche für die Organisation „machsom watch“ durch die Westbank zu den zahlreichen Checkpoints der israelischen Armee, um dort nach dem Rechten zu sehen. Sie will für die palästinensischen Grenzgänger da sein, wenn diese in irgendeiner Form Hilfe benötigen. Sie unterhält sich mit den Menschen über ihre Sorgen und Nöte und diskutiert über die Probleme, die die Checkpoints den arabischen Bewohnern der Westbank machen. Außerdem bietet sie Journalisten an, sie auf ihren Touren durch das Westjordanland zu begleiten – nur wenige nehmen das Angebot an, sagt sie.

Der Huwarra-Checkpoint liegt in einer Talsenke zwischen den beiden jüdischen Siedlungen Bracha und Itamar. Nördlich des Checkpoints befindet sich die Stadt Nablus. 100.000 Palästinenser wurden hier eingezäunt – insgesamt befinden sich im Nablus-District 14 jüdische Siedlungen, diese sollen durch die Sperren geschützt werden. Huwarra, Beit Furik und Beit Iba sind die einzigen Ein- und Ausgänge zur Stadt. Die Mauer trennt Nablus von den umliegenden Dörfern, ungefähr so, als würde man um Hamburgs Innenstadt einen Zaun mit drei Eingängen ziehen. Die Menschen werden auf ihrem Weg zur Arbeit häufig aufgehalten, wenn sie überhaupt passieren dürfen. Verwandte, die früher nur zehn Minuten Fußmarsch voneinander entfernt wohnten, brauchen nun aufgrund der Umwege mehrere Stunden für gegenseitige Besuche. Hitze, Ungewissheit, endloses Warten, Erniedrigung an den Checkpoints – wer schickt sein Kind schon gerne auf einen Schulweg, der von fremden Soldaten kontrolliert wird? Das Gebiet um die Posten ist weiträumig mit Stacheldraht, massiven Stahlzäunen und tiefen Gräben gegen potenzielle Angreifer gesichert. Die kleinen Übergänge bestehen meist nur aus einem klimatisierten Gebäude für die Soldaten und einer Schranke. Diejenigen, die den Checkpoint zu Fuß überqueren, werden durch einen engen Gang mit einer massiven Drehtür in der Mitte geschleust. Alles ist umgeben von Wällen aus Sandsäcken. Die Stimmung ist gespenstisch und angespannt. Bei größeren Checkpoints wie Huwarra wird man durch einen regelrechten Irrgarten aus Stahl und Beton gepfercht, kontrolliert und im besten Fall am anderen Ende wieder ausgespuckt. Die palästinensischen Männer gehen mit starren Gesichtszügen durch den Checkpoint, die Frauen verkriechen sich in ihrem Kefija, dem traditionellen arabischen Kopftuch. Nur die Jüngeren scheinen relativ unbekümmert ihren Weg durch das Stahl- und Betongewirr zu finden, schließlich sind die meisten seit ihrer Geburt nichts anderes gewohnt. Viele der jüngeren Palästinenser kennen Israelis nur in Armeeuniform und mit vorgehaltener Maschinenpistole.

Israelischer Kontrollpunkt Huwarra im Westjordanland

Der Gedanke kommt auf: Es gibt sicherlich niemals eine Rechtfertigung für Terrorismus, aber es gibt Gründe für die ohnmächtige Wut der Palästinenser.

Daphne ist nur eine von ungefähr 400 Frauen, die für „machsom watch“ arbeiten. Das Besondere an ihrer Geschichte: Daphne ist eine jüdische Israelin aus einer sehr konservativen Familie. „Meine eigenen Leute sind gegen „machsom watch“ und nennen uns Verräter“, erzählt Daphne, „mein Mann akzeptiert zwar, kann aber nicht verstehen, wieso gerade ich so etwas machen muss“. Wer die israelischen Zeitungen liest und sich mit den Menschen hier, jung oder alt, unterhält, der kann in etwa nachvollziehen, womit sie sich auseinandersetzen muss: Unverständnis bis zur Feindseligkeit.

Ein paar Kilometer weiter – im geschichtsträchtigen Jordantal – wird Daphne Zeuge einer Szene, wie sie sich wohl zu hunderten in diesem Konflikt abspielen. Die Zufahrtsstraße zu einer palästinensischen Siedlung ist mit einer Stahlschranke und Betonblöcken abgeriegelt, ein einsamer Traktor wartet davor. Die Barriere wird morgens und nachmittags jeweils um drei Uhr für fünf Minuten von Soldaten geöffnet. Nur dann können die Bewohner die Seite wechseln. Ein Vater und seine beiden Söhne teilen sich den kleinen Flecken Schatten, den der Traktor wirft. Sie waren zur Arbeit auf ihren Feldern und haben jetzt die Öffnungszeit der Schranke und damit den einzigen Zugang zu ihrem Dorf knapp verpasst. Der alternative Weg nach Hause führt durch einen entfernt gelegenen Checkpoint, ein Aufwand von ungefähr drei Stunden – dabei wohnt die Familie gerade einmal 500 Meter Luftlinie entfernt. Daphne will Abhilfe schaffen. Nach ungefähr eineinhalb Stunden hat es Daphne dank ihrer Kontakte zu hochrangigen Militärs und zahlreicher Telefonate geschafft. Ein Militärjeep mit grimmig dreinschauenden Soldaten fährt den Schotterweg entlang, die Schranke wird widerwillig aufgeschlossen. Es bleibt gerade noch Zeit für eine kurze Verabschiedung, dann rollt der Traktor auf die andere Seite der Absperrung. Was bleibt ist ein Einblick in die Ohnmacht der Bevölkerung – aber auch eine Einladung zu einer arabischen Hochzeit.

Palästinserin mit traditioneller Kufiya im Jordantal

Unsere Frage nach dem Ausflug ins Westjordanland: Wieso sieht man diese kleinen Geschichten fast nie in den Medien? Wahrscheinlich hat Luyendijk Recht. Das Erlebnis ist bedrückend, die Checkpoints erniedrigend und Angst einflößend, aber das Erlebte in nur einem Bild darzustellen erscheint unmöglich. Der Konflikt ist schlicht zu komplex für eine Minute dreißig in den Nachrichten.

Karin Wenger, die als Freie Journalistin unter anderem für die Neue Züricher Zeitung aus den palästinensischen Gebieten berichtet, erklärt die Mechanismen, unter denen die Redaktionen in der Heimat arbeiten: „News sind News, wenn´s laut ist und knallt. Ein Selbstmordattentäter ist mehr News als 600 Straßensperren in der Westbank – das ist nicht so newsträchtig. Die stehen da halt nur so rum.“

Auch hier zeigt sich, wie schwer es ist, objektiv, neutral oder wenigstens fair aus Israel und den Palästinensergebieten zu berichten. Wer das Leid der einen Seite beleuchtet, zieht die Wut und den Vorwurf der Parteilichkeit der anderen Seite auf sich und umgekehrt. David Witzhum, der israelische Journalist, hat kein Problem mit der Parteilichkeit der Korrespondenten: „Kein Journalist ist neutral bei der Frage Israel/Palästina. In diesem Konflikt gibt es keine Neutralität.“

Auch Joris Luyendijk beschreibt die Schwierigkeiten und die Beschränkungen, denen der Journalismus unterliegt: „Es ist schwierig, in der Tat. Alle Medien versprechen ihren Zuschauern objektiv oder neutral zu sein. Aber es gibt in einem Konflikt nur sehr selten neutrale Begriffe. Schon wenn ich von Israel und den ‚besetzten’ oder den ‚umstrittenen’ Gebieten spreche habe ich eine Position bezogen. Es ist egal, was du sagst nachdem du von ‚besetzten’ Gebieten gesprochen hast. Besetzt heißt, du musst es zurückgeben, wenn du ‚umstritten’ sagst, gibst du es freiwillig zurück. Man bekommt eine vollständig andere Geschichte allein durch die Begrifflichkeiten.“ Das Problem, sagt er, sei dabei folgendes: „Selbst wenn man bloß Fakten beschreiben will, müssen sie Sinn machen, also müssen sie eine Geschichte erzählen. Allerdings wird die Geschichte immer Dinge auslassen, damit sie erzählbar wird – gerade im Fernsehen. Und dadurch, dass man Dinge auslässt, wird es politisch, denn wenn man einen Aspekt auslässt, macht man es dadurch anderen unmöglich über diesen Punkt zu diskutieren, denn er wurde ja ausgelassen.“

Jerusalem – Heilige Stadt und Zentrum des Konflikts

February 17, 2009

Al-Aqsa-Moschee und die Klagemauer in Jerusalem

Die fast 3000 Jahre alte Geschichte des Landes und seines Konfliktes lässt viel Raum für Auslassungen und kennt viele Perspektiven. Im Zentrum steht dabei die Heilige Stadt Jerusalem. Wer die Geschichte des Konflikts erzählen möchte, kommt an der Geschichte Jerusalems nicht vorbei. Heute ist Jerusalem die Hauptstadt des Staates Israel. Jerusalem hat 729.100 Einwohner, ist Sitz des israelischen Präsidenten, der Knesset, Einrichtungen der Judikative und Exekutive Israels und der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Jerusalem wurde um 1800 v. Chr. erstmals erwähnt und ist damit eine der ältesten bekannten Städte der Welt. Jerusalem wird von Christen, Juden und Muslimen als Heilige Stadt angesehen. Der politische Status der Stadt ist international umstritten und Teil des Nahost-Konflikts: Ostjerusalem, das bedeutende religiöse Stätten des Judentums, Christentums und des Islam beherbergt, wird von Palästinenser-Organisationen als Hauptstadt eines zukünftigen palästinensischen Staates beansprucht.

In Jerusalem treffen wir RTL-Korrespondent Christoph Sagurna, der sein Büro im Jerusalem Broadcast Center in der Jaffa-Straße im Norden Jerusalems hat. Vor ein paar Tagen ( am 2. Juli 2008 ) hat ein Ost-Jerusalemer Palästinenser in eben dieser Straße mit einem Bulldozer mehrere Menschen und Fahrzeuge überrollt. Bei dem Anschlag kamen drei Personen ums Leben. Der Attentäter wurde von einem Soldaten auf Heimaturlaub erschossen.

Sagurna: „Ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, wie man ein Medienbüro in Israel haben kann und es nicht in Jerusalem oder Ramallah, sondern in Tel Aviv hat. Tel Aviv ist, was diesen Konflikt angeht, auf dem Mond. Der Grund dafür ist, dass natürlich die allermeisten Staaten, auch Deutschland, den israelischen Anspruch auf Jerusalem nicht anerkennt. Aber warum soll ein Medienbüro der Staatsräson, dem Diplomatischen folgen und in Tel Aviv bleiben, mit mindestens einer Stunde Fahrt vom Konfliktherd entfernt, der bis zu 90 Prozent der Berichterstattung einnimmt?“

Seit fünf Jahren ist Sagurna für RTL als Auslandskorrespondent in Israel. Vor diesem Job war der gebürtige Berliner einige Jahre in Moskau stationiert und hat den Afghanistan-Krieg als Korrespondent miterlebt. Gerade hat Sagurna eine Geschichte über den Drogenhandel zwischen Israel und den Palästinensergebieten recherchiert, nun will er der Sache vor Ort weiter nachgehen. Mit dabei sind Martin, der Kameramann, und Producer Joseph. Joseph ist ein Glücksfall für seinen Chef Sagurna und RTL. Er ist israelischer Araber und spricht daher Hebräisch und Arabisch. Deutsch hat er beim Jurastudium in Köln gelernt. Im Flüchtlingslager Shoafat, in Ostjerusalem, hat der palästinensische Producer für Sagurna Kontakt zu einem weiblichen Fatah-Mitglied hergestellt. Sie soll Sagurna weitere Gesprächspartner und Einzelheiten zur Geschichten vermitteln.

Das Team macht sich im Jeep auf den Weg ins 15 Minuten entfernte Shoafat. Eine andere Welt, fast vor der Haustür. Direkt hinter dem israelischen Checkpoint beginnt das Lager, das nach Jahrzehnten der Besatzung eher einer abgewrackten Stadt gleicht: Enge, verwinkelte Gassen, überall Müll auf der Straße und Menschen, deren Gesichtern man das jahrelange Leben als Flüchtling ansieht.

In einer Art Schulgebäude wird das RTL-Team von Jihad empfangen, einer kleinen, energischen Palästinenserin Mitte vierzig, die vorzüglich, aber aufgeregt und ununterbrochen Englisch spricht. Die von Sagurna angedachte und von Jihad vehement bestätigte Geschichte ist folgende: anscheinend gelangen große Mengen Drogen über Israel in die besetzten Gebiete. Die Deals finden an undichten Stellen in der Mauer und an Checkpoints statt. Die israelischen Soldaten, die in diesen Zonen für die Polizeigewalt zuständig wären, scheinen den Austausch zu übersehen, obwohl ansonsten höchste Sicherheitsvorkehrungen gelten. Aus israelischer Sicht verständlich: “Ein Feind auf Drogen, ist ein guter Feind”. Man merkt, Sagurnas Kontaktperson hat einiges Interesse, dem Journalisten diese Geschichte zu verkaufen.

Nachdem Sagurna Jihad geschildert hat, welche Bilder und Gesprächspartner er sucht, geht es mit dem Jeep weiter, immer tiefer in die Häuserschluchten hinein. Ein kleiner Wagen, in dem Jihad und ein schnurrbärtiger, bisher schweigsamer Palästinenser sitzen, fährt vor. Nach zehn Minuten steht die Gruppe vor einem zerstörten Häuserkomplex, der aus mehreren aneinander gereihten Toreinfahrten und den Ruinen der darüber liegenden Wohnungen besteht. In einem der heruntergekommenen Räume entdeckt Sagurna die Protagonisten seiner Geschichte: vier elend dreinschauende Palästinenser, die gerade ihre Crackpfeifen stopfen. “Volltreffer”, sagt Sagurnas und beginnt sein Interview mit Jihad – im Hintergrund die Drogensüchtigen.

Zunächst verweigern sie sich einem Interview und verbergen ihre Gesichter hinter vorgehaltener Hand. Ein Machtwort von Jihads schnurrbärtigem Begleiter überzeugt sie jedoch schnell vom Gegenteil. Offensichtlich ist der Palästinenser nicht nur Jihads Chauffeur, sondern auch jemand, dem im Flüchtlingslager Shoafat gehorcht wird. Sagurnas Geschichte scheint aufzugehen, er führt sein Interview ungefähr fünfzig Meter Luftlinie vom israelischen Checkpoint entfernt, ein Sicherheitsoffizier beobachtet das Kamerateam und die Drogensüchtigen.

Das Material ist abgedreht, das Team fährt weiter. Sagurna will noch einige der “Drogenlöcher” in der Mauer finden und filmen. Plötzlich stoppt Jihad jedoch den Wagen und erzählt dem RTL-Mann, dass irgendwo im Camp gerade etwas vorgefallen sei, was das RTL-Team unbedingt sehen müsse. Wenige Minuten später erreichen Sagurna und Jihad die Ausläufer des Flüchtlingscamps. Dort haben etwa 50 jüdische Siedlerinnen einen Hügel besetzt. Viele orthodoxe Juden nehmen das alte Testament wörtlich und betrachten ganz Palästina als Gabe Gottes an das jüdische Volk.

Während sich bereits eine Traube von neugierigen, teilweise feindseligen palästinensischen Zuschauern bildet, versuchen israelische Soldaten die orthodoxen Frauen zu vertreiben. Es dauert nicht lange, da fliegen die ersten Steine in Richtung der Demonstrantinnen – die Situation droht zu eskalieren. Der RTL-Korrespondent versucht, den Ort des Geschehens zu erreichen, woran ihn ein israelischer Soldat ziemlich vehement hindert. Wortgefechte hin und her. Der Journalist will seine Arbeit machen, verweist auf seinen Presseausweis, der Soldat will seine Mission erfüllen und verweist auf seine Befehle.

Und genau in diesem Moment zeigt Sagurna die Abgebrühtheit des erfahrenen Korrespondenten. Nach Absprache mit seinem Kameramann, “auf drei rennen wir los”, entwischt der Journalist dem verdutzen Soldaten, schubst ihn zu Seite, und Sagurnas Kameramann kann seine Aufnahmen von den Siedlerinnen machen. Ein heftiges Wortgefecht mit den Soldaten folgt, doch nach einigem hin und her beruhigt sich die Situation. Die Siedlerinnen sind inzwischen aus dem Flüchtlingslager eskortiert worden, die Palästinenser beschränkten sich auf lautes Gejohle. “Solche unerwarteten Ereignisse können immer passieren”, sagt Sagurna, “auch wenn keine Story dabei rumkommt, anschauen muss man sich das trotzdem”. Und ja, sagt er, man müsse sich gegen Soldaten und Grenzsperren durchsetzen, die Pressekarten nicht anerkennen und von irgendwelchen Befehlen erzählen. Da müsse man selber einschätzen, „wie hart sind die drauf, wie gereizt ist die Situation? Und hier schien uns das jetzt vertretbar, zu sagen, ‚komm da geh’n wir mal durch, der wird uns schon nicht in den Rücken schießen’ – der Knaller.“

Zurück in seinem Jerusalemer Büro spricht Sagurna über die Schwierigkeit, als Korrespondent in diesem besonderen Konflikt ausgewogen und fair zu bleiben: „Wenn vor unserem Büro ein Bus in die Luft fliegt und überall tote Menschen und Blut hängen, dann kann man an dem Tag nicht ausgewogen bleiben. Dann ist dieser Beitrag ganz sicher nicht objektiv, und dann werde ich auch nicht sagen: aber gestern haben die Israelis in Ramallah und so weiter. Aber: wenn ich dann in Gaza bin und Israelis verfolgen mit Hubschraubern Hamas-Leute im Auto und schießen da Raketen rein und es kommen Zivilisten um, dann wird dieser Bericht an dem Tag auch nicht objektiv sein. Ich hoffe deshalb, am Ende des Jahres oder des Quartals ausgewogen zu sein.“

In dem Moment klopft Producer Joseph an die Tür. Wieder gab es Ausschreitungen in Naalin. Joseph könnte Bilder besorgen. „Ramadan Ramallah (palästinensischer TV-Sender), ich hab mit dem technischen Direktor gesprochen, die Bilder sind von Ramadan exklusiv, aber der Moment des Schießens ist nicht drauf.“ Sagurna: „Was haben sie denn drauf? Joseph: „Ab dem Moment, wo der Junge vom Boden getragen und zum Krankenhaus gebracht wird. 15 Minuten mit Ramadan Logo 550 Euro, ohne Ramadan Logo 800 Euro. Sagurna: „Haben die schon verkauft? Die würden es exklusiv verkaufen? Sind wir ein bisschen spät dran. Hätte ich das heute Mittag gewusst, hätte ich Köln überredet das Geld auszugeben.“ Hintergrund: In Naalin wurde wieder ein junger Palästinenser angeschossen.

Wir fragen Sagurna, wie er damit umgeht, sich für die Berichterstattung auch immer wieder in Gefahr begeben zu müssen: „Wenn ich irgendwo hingehe, wo Gasgranaten und Steine fliegen und neunjährige Jungen erschossen werden – wie eben im Dorf Naalin – dann ist mir bewusst, wenn ich mich da um gute Eindrücke und Töne bemühe, dass mir auch was passieren kann. Ich hab schon den Eindruck, dass die israelischen Soldaten, wenn sie nicht total die Kontrolle verlieren, Rücksicht auf westliche Journalisten nehmen, weil sie wissen, was es für ein Theater geben würde, würde mir etwas passieren. Das bliebe nicht ungehört. Bei einem palästinensischen Journalisten ist es da schon anders, der ist da nicht so geschützt. Angst habe ich nicht, ich versuche vorsichtig abzuwägen und nicht für jedes Bild alles zu machen. Aber ich weiß natürlich, dass es nicht ungefährlich ist.“

Der Jahresbericht der Reporter ohne Grenzen zählt auch im Jahr 2008 wieder verletzte und getötete Journalisten im Nahostkonflikt. Zwei Tage nach unserem Besuch bei Sagurna wird in Naalin ein israelischer Kameramann angeschossen. Der zweite angeschossene Junge ist an seinen Verletzungen gestorben, die Stimmung in Naalin war aufgeheizt. Auch die Soldaten haben die Nerven verloren. Die gummiummantelte Bleikugel traf den Journalisten oberhalb des Herzens. Der Mann überlebte, die Kugel konnte jedoch nicht entfernt werden. Wie gehen Journalisten mit der ständigen Bedrohung um?

Luyendijk: „Ich glaube durch ausblenden, man blendet aus, dass man in Gefahr ist. Man sagt sich, ‚sie werden schon sehen, dass ich Journalist bin, ich trage ja das Pressedings’. Immer, wenn ein Journalist getötet wird, sagen alle Kollegen, ja, aber er war draufgängerisch, oder er hat nicht aufgepasst. Man deklariert es sofort als menschlichen Fehler.“

Und warum begeben Sie sich immer wieder in die Gebiete, wo gekämpft und geschossen wird? Marty: „Es ist einfach ein Teil dieses Berufes, und dessen musst du dir bewusst sein. Wenn du das nicht bist, wenn du findest, das ist eigentlich geil, dann bist du am falschen Ort“.

Entführung in Gaza – die Arbeit der palästinensischen Mitarbeiter

February 17, 2009

Sawah Abu Saif

Gefährdeter als die ausländischen Journalisten sind jedoch häufig deren palästinensische Mitarbeiter. Viele ausländische Stationen beschäftigen für ihre Berichterstattung aus den palästinensischen Gebieten feste lokale Mitarbeiter. Mindestens achtzig Prozent des erhältlichen Bildmaterials aus den Gebieten stammt von palästinensischen Crews. Auch die ARD arbeitet im Gaza-Streifen mit palästinensischen Kollegen. Was das manchmal bedeutet, bekamen die ARD-Kollegen Ende Juli 2008 zu spüren.

Am Freitag, dem 25. Juli explodiert an der Strandpromenade von Gaza eine Autobombe. Die Hamas-Bewegung, die den Gaza-Streifen beherrscht, macht für das Attentat die Fatah von Palästinenserpräsident Abbas verantwortlich. In der Nacht nimmt die Hamas rund 160 angebliche Mitglieder der Fatah fest. Unter anderem den ARD-Mann Sawah Abu Saif. Vier Maskierte drangen in seine Wohnung ein, überraschten ihn im Schlaf, führten ihn ab. Der Vorwurf: auch Abu Saif soll ein Aktivist der rivalisierenden Fatah gewesen sein. Das ARD Büro kämpft um seine Freilassung. Hinter den Kulissen und in den eigenen Nachrichten übt Bürochef Richard C. Schneider Druck aus. Die ARD ruft die Hamas zur Freilassung auf, droht mit einer kompletten Schließung des Büros, lässt Kontakte spielen. Erst nach einer Woche kann Richard C. Schneider seinen Mitarbeiter wieder in Tel Aviv begrüßen. Die Hamas hat ihn freigelassen, die Israelis erlauben ihm und seiner Frau nach Tel Aviv zu reisen. Doch Sawah ist in schlechtem Zustand. Die physische und psychische Belastung ist ihm anzusehen. Nach ein paar Tagen der Ruhe in Tel Aviv geht er zurück in den Gazastreifen, will dort seinen Job wieder ausüben – „die Blase“ ist nicht seine Welt. Sawah war einer der wenigen, die für die ARD und die deutschen Zuschauer unabhängige Bilder aus dem Gaza-Krieg lieferten. Ohne Menschen wie ihn würden die Redaktionen nur mit dem Material der Kriegsparteien arbeiten können.

Stringerin Nuha Musle in Ramallah

February 17, 2009

Ramallah am Abend

Doch die Auslandsbüros arbeiten nicht nur mit fest angestellten Mitarbeitern. Die Zusammenarbeit mit so genannten „Stringern“ ist tägliche Praxis. Stringer sind Einheimische, deren Job es ist, die Journalisten ins Westjordanland und den Gaza-Streifen zu begleiten. Sie übersetzen, stellen Kontakte her und arrangieren Interviews. Im Zweifel entscheiden sie auch, was der Gast zu sehen bekommt. Zur verantwortungsbewussten Arbeit mit den Stringern gehört Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis. Leicht besteht die Gefahr manipuliert zu werden. Dennoch ist die Zusammenarbeit für viele notwendig – insbesondere für diejenigen unter den Korrespondenten, die kein Arabisch sprechen.

Karin Wenger: „Ich finde es extrem wichtig, die Sprache zu sprechen. Ich komme langsam gut durch und verstehe den Sinn. Man bekommt viel mit aus den täglichen Gesprächen, am Checkpoint, im Taxi. Für mich ist es wichtig, die Alltäglichkeiten mitzubekommen. Und das geschieht halt nicht mit einem Übersetzer. Viele Übersetzer arbeiten mit einem Stringer, der die Geschichte dann auf dem Teller serviert, der Journalist verkauft es als seine Geschichte, aber eigentlich hat er nur gemacht, was der Stringer gesagt hat. Die Stringer selektieren auch und übersetzen, die haben auch ihre Prägung, und da bin ich lieber unabhängig.“

André Marty erklärt: „Ich spreche soviel arabisch, als dass ich verstehen würde, wenn er etwas komplett anders übersetzt. Aber ich kann nicht so viel, als das ich es wortwörtlich verstehen würde. Ich bin angewiesen auf eine korrekte Übersetzung des Kollegen, das ist so.“
Auch deshalb arbeitet der Schweizer mit einer Stringerin: „Im Westjordanland ist das eine Kollegin, mit der ich von Anfang an zusammenarbeite, deren Sprachgebrauch ich kenne, bei der ich weiß, wie ich mit ihr umgehen kann, und die weiß, was ich will, was ich nicht will. Sie legt ganz klar ihre grundpolitische Position dar, weiß aber sehr wohl zu trennen zwischen unserem Job und ihrer Position.“

Wir wollen mit Martys Stringerin sprechen und fahren wieder von Israel in Richtung Westjordanland. An der Mauer entlang und durch den Checkpoint Qualandia. Auf der palästinensischen Seite ist die Grenzanlage nicht überall ein graues Ungetüm. Direkt hinter dem Checkpoint drücken unzählige bunte Graffitis die Hoffnung der Menschen aus: neben einem bedrohlichen Wachturm schwebt auf einem Bild des britischen Künstlers Banksy ein Mädchen mit Hilfe eines Luftballons über die Mauer. Ein paar Meter weiter hat jemand die Tastaturkombination „CTRL + ALT + Delete“ – löschen – auf den Grenzwall gemalt.

In Ramallah spielt das tägliche Leben. Menschen bei ihren Einkäufen, überraschend viele Autos deutschen Fabrikats und noch immer – auch vier Jahre nach seinem Tod – überall das Bild von Palästinenserführer Jassir Arafat. Wir fahren vorbei an Arafats Grabstätte – der Mukata – die heute gleichzeitig Regierungssitz von Präsident Machmud Abbas ist. Wir sehen Schulkinder auf den Straßen und hören arabische Musik aus den unzähligen Taxis. Ramallah ist friedlich, alltäglich, fast idyllisch an diesem Tag und gleicht kein bisschen den Bildern, die man als Zuschauer aus den Nachrichten kennt.

Kind in einem Bus in Ramallah

Eben dieser Gegensatz überraschte auch Joris Luyendijk bei seinem ersten Besuch: „Ich bin vorher nie in Ramallah gewesen und kannte nur die Bilder aus dem Fernsehen: Steinewerfer, Israelische Soldaten, Krankenwagen, wütende Menschen. Ich hatte die Bilder auf CNN am Morgen gesehen und hatte wirklich Angst. Ich dachte an die Gewalt und dachte, es würde richtig übel werden, vielleicht würde ich sterben. Und dann kam ich in Ramallah an und es war einfach normal, alltägliches Leben auf der Straße. Wenn man immer nur die Gewalt sieht und nicht die Alltäglichkeit von Ramallah und dem Rest der palästinensischen Gebiete, dann denken alle, Palästina ist eine große blutige Sauerei.“

Auch Karin Wenger spricht von einer einseitigen Wahrnehmung: „Im Westen wird das falsch berichtet und verzerrt wahrgenommen. In Israel gehen nicht andauernd Bomben hoch, und in den besetzten Gebieten passieren auch nicht andauernd irgendwelche Invasionen“.

Nuha Musle – André Marty´s Stringerin im Westjordanland – ist schwer zu stoppen. Doch heute liegt sie in ihrem Haus in Ramallah auf dem Sofa. Eine Verletzung am Fuß zwingt sie zur Ruhe. Offensichtlich fällt ihr das nicht leicht. Sie redet, gestikuliert, scheucht Ehemann, Sohn und Tochter durch die Wohnung, führt Telefonate – auf Arabisch, Englisch und Hebräisch – laut, schnell und bestimmt.

Wie sie ihre Arbeit mit den Korrespondenten beschreiben würde?„Ich würde mich als Vermittlerin bezeichnen“ erklärt Nuha, „mein Job erleichtert den Journalisten ihre Arbeit. Ich breche das Eis zwischen den Korrespondenten und den Einheimischen. Ich übersetze nicht nur, ich besorge die Kontakte, vermittle und bastle die Story für den Journalisten zusammen“. Aber entsteht da nicht ein Übergewicht ihrer Sichtweise? „Nein, wir sind ein Team. Ich mache meinen Vorschlag und frage den Journalisten, was er aus der Geschichte machen will, und dann richte ich mich danach, was er möchte – ganz und gar.“

Derzeit begleitet Nuha Journalisten zu den Fatah-Anhängern, die vor den Kämpfen mit der Hamas aus Gaza geflohen sind. Auch sie sind, – wie Sawah, der Kameramann der ARD – der Hamas ein Dorn im Auge.

Ob als Festangestellte, wie Sawah, oder als Stringer, wie Nuha: Die Korrespondenten sind auf die Geschichten, Kontakte und Sprachkenntnisse der Kollegen aus der palästinensischen Gesellschaft angewiesen. Das Bild der Zuschauer, von den Vorgängen und den Menschen in den palästinensischen Gebieten wäre ohne sie ein unvollständiges, ein weniger facettenreiches.

18. September 2008 – Kadima-Primaries – Israels Regierungspartei wählt neuen Vorsitz

February 17, 2009

Kadima Vorwahlen Ergebnisse

Große israelische Politik: Im Hauptquartier der Kadima-Partei steht wieder ein internationales Medienereignis an. Und – wie in Rosh Hanikra – hat sich auch heute die internationale Medienmeute eingefunden. Mehr Journalisten als Akteure, über die berichtet werden kann. CNN, Al Dschasira, FOX-News, ARD und ZDF, alle in Reih und Glied nebeneinander – wie in einer Legebatterie. Die Kameras sind aufgestellt, die Nasen gepudert, Mikrofone gezückt. Hunderte Journalisten, wenige Politiker. Ein wahrlich virtuelles Schauspiel.

Die Situation: Israels Kadima vor der Wahl. Die Frage: Wer folgt Ehud Olmert? Für die Kadima-Partei ist es eine wichtige Wahl. Mehr als 70.000 Parteimitglieder sind aufgerufen, über die Nachfolge von Partei- und Regierungschefs Ehud Olmert zu entscheiden. Israels Außenministerin Zipi Livni gilt als Favoritin gegen ihren Mitkandidaten Shaul Mofaz. Wer auch gewinnen mag, Olmerts Nachfolger muss es wieder gelingen, die gegenwärtige fragile Regierungskoalition zusammenzuhalten und auf sich zu vereinen.

Auch vor Ort: SFR-Korrespondent André Marty. Er telefoniert lautstark und sichtlich ungehalten mit seiner Redaktion. Was ist los? Marty: „Ach, die Agentur ist mal wieder wichtiger als der Journalist vor Ort, der findet, die Ergebnisse werden gleich kommen. Die Agentur sagt aber, die Ergebnisse kommen um Mitternacht, also kommen die Ergebnisse um Mitternacht. Das ist eigentlich so eine Grundphilosophie der Redaktionen. Es scheint nicht so zentral, was der Journalist vor Ort sieht und erlebt, wenn bei der Agentur was anderes steht. Das gehört dazu. Ist nicht weiter dramatisch, die Zahlen werden ja dann auch auf der Agentur relativ schnell kommen, und dann schauen wir mal.“

Wenig später – früher als Martys Redaktion glaubte – sind die Ergebnisse da. Im Fernsehen – auf einer großen Leinwand. Tzipi Livni, die amtierende Außenministerin hat gewonnen – sie wird Vorsitzende der Kadima-Partei. Noch immer sind nur vereinzelt Politiker zu sehen. Dafür viele Journalisten, die sich nun bereit machen für ihre Aufsager in Richtung Heimatredaktion. In die Legebatterie kommt Bewegung. Und auch André Marty macht sich fertig für die Schweizer Zuschauer. Was will die Reaktion vom Journalisten vor Ort gerne wissen? Marty: „Es klingt wie ein schlechter Witz, aber es kommt in der Tat die Frage, was bedeutet die mutmaßliche Wahl von Tzipi Livni für den Friedensprozess? Das heißt, was ich immer wieder versuche zu erklären, es gibt ja de facto gar keinen Prozess, den man einen Friedensprozess nennen könnte. Nun aber in drei Antworten – in 1:30 – genau das so zu erklären, dass es nicht arrogant oder abgehoben tönt, sondern unseren Zuschauern und Zuschauerinnen in der Schweiz wirklich ein bisschen näher bringen kann, wie komplex eben dieser Prozess ist, das wird wieder mal ein bisschen schwierig.“ Und wie macht man das dann in 1:30? Marty: „Ja, ich würde schon fast sagen ‚die Kunst’ – in Anführungszeichen – des brutalen Weglassens, des Kürzens, des extrem Fokussierens auf ein, zwei Gedanken, wenn es hoch kommt. Anders geht es nicht.“ Marty ist sichtlich genervt.

Joris Luyendijk kennt solche Frustrationen, die die Medienlogik, die die Mechanismen der Nachrichten bei den Reportern auslösen, und sagt dennoch: „Sogar mit all diesen Einschränkungen der Medien, über die wir gesprochen haben – wenig Zeit, bad news is good news, Alltag ist langweilig, Explosionen sind spannend, all diesen Einschränkungen – ist es noch immer fantastisch, dafür bezahlt zu werden, irgendwo hin zu gehen, interessante Sachen zu machen, einen Bericht zu machen und ihn der Welt zu zeigen.“

Circa drei Monate später – am 19. Dezember – kündigt die Hamas den Waffenstillstand mit Israel im Gazastreifen auf und schießt wieder vermehrt Kassam-Raketen in den israelischen Süden. Darauf hin startet die israelische Armee am 27. Dezember die Operation „Gegossenes Blei“. Israel steht am Anfang des siebten Nahostkriegs und wieder im Mittelpunkt der internationalen Medienberichterstattung. Ein neues Kapitel des Nahost-Konflikts beginnt.

„Und warum sind Sie hier, gerade hier?“

Warum begeben sich die Korrespondenten in eine Region, in der immer wieder dieselbe Geschichte von Leid und Ohnmacht, von Tod und Zerstörung erzählt wird? Warum bleiben sie für Jahre in Israel und den palästinensischen Gebieten? Warum setzen sie sich den physischen Gefahren und der psychischen Belastung aus?

„Menschlichkeit“, sagt Joris Luyendijk, „was man immer wieder erlebt, ist die Wärme der Menschen. Ich habe mich kürzlich mich einem Kollegen unterhalten, der lange Zeit im Irak war. Ich fragte ihn, was war die wichtigste Erfahrung für dich? Und er sagte: ‚Hoffnung. Obwohl meine Bilder schrecklich sind und die Geschichten, die ich schreibe schrecklich sind.’ Wenn man vor Ort im Nahen Osten ist, gibt es so viel Momente, in denen man sagt: ‚wow! Menschen sind großartig’, trotz allem Schrecken um sie herum sind sie freundlich, warmherzig, gastfreundlich und geduldig. Man sieht das Schlimmste in den Menschen im Nahen Osten aber du siehst auch das Beste. Und hier in Europa sieht man gar nichts.“

Die Journalisten unterliegen vor Ort politischen Einschränkungen, wie auch den Gesetzen des Mediums, für das sie tätig sind. Die Berichterstattung liefere ein verzerrtes Bild, das sagen alle, mit denen wir gesprochen haben. „Das liegt an der Nachrichtenlogik“, schreibt Joris Luyendijk in seinem Buch, „die Nachrichten zeigen nur das, was vom Alltäglichen abweicht, und wenn dieses Alltägliche einem fremd ist, bekommt mein ein verzerrtes Bild.“ Diese verzerrte Bild verstärkt sich zudem durch die Nachrichtenweisheit, auf die André Marty hinweist: „Bad News is good news“, oder wie die junge Karin Wenger es ausdrückt: „News sind, wenn´s knallt“.

Die Reporter versuchen unabhängig zu bleiben in einem Konflikt, der keine Unabhängigkeit kennt. Ein Konflikt, in dem beide Seiten versuchen, die Berichterstatter im eigenen Sinne zu manipulieren. RTL-Korrespondent Christoph Sagurna erkennt die praktische Seite: „Wenn beide Seiten wütende Emails schreiben, habe ich etwas richtig gemacht.“

Bei, all den Schwierigkeiten und Einschränkungen durch Newsfaktoren, all dem Frust, den Gefahren, und dem scheinbar endlosen Konflikt – alle, mit denen wir hier gesprochen haben, wollen aus Israel berichten, wollen ihren Job genau hier an diesem Ort ausüben und nirgendwo sonst.

Joris Luyendijk, der derzeit sein Buch in Europa vorstellt, sagt dazu: „Ich habe endlich etwas über die Menschheit gelernt. Das Leben in Nordwesteuropa fühlt sich manchmal wie ein Gewächshaus an. Man baut Tomaten an, die nach nichts schmecken, wie eine „Wasserbombe“. Und auch ich fühlte mich nach meiner Rückkehr, wie eine “Wasserbombe“. Dort drüben sah ich mit eigenen Augen Unterdrückung, Gewalt, Trauer – dort kam es wirklich auf das Leben an. Hier dreht sich die Politik um die Frage, wie man die 600 Milliarden dieses Jahr verteilt. Im Nahen Osten wird immer noch und in diesem Moment Geschichte geschrieben. Es geht um Leben und Tod. Dein Land kann verschwinden, Deine Familie kann verschwinden, Dein Volk kann verschwinden. Die Erfahrung war sehr wichtig für mich und sie wird immer Teil von mir sein.“

André Marty nennt immerwaches Interesse als Grundlage für seine Arbeit: „Wenn du dich vom Konflikt verabschiedet hast, wenn du dich als Journalist von der Neugierde verabschiedet hast, dann pack deine Koffer und hau ab, fahr nach Haus. Das hier ist nichts für Schnarchsäcke. Dann sollen Kollegen kommen, die sich wieder mit offenen Augen auf den Konflikt einlassen.“